Angst
Die Angst hat viele Gesichter Die Gesichter der Angst Der Gedanke, dass die Angst viele Gesichter hat, geht mir schon lange durch den Kopf. Immer wieder habe ich auch den Versuch gemacht, eine Liste der Gesichter aufzuschreiben. Und die Liste wurde immer länger. Eine Liste nach psychotherapeutischen Gesichtspunkten könnte folgendermaßen aussehen:
Ähnliche Listen nach
Nicht-Psychotherapeutischen-Gesichtspunkten könnte man auch aufstellen. So gibt
H.E. Richter (1992) in seinem Buch „Umgang mit Angst“ eine sehr umfassende
Darstellung der Angst
problematik. Während der Vorbereitung
meines Beitrages hat mir die Vielfalt der Gesichtspunkte immer mehr Angst
gemacht, so sah ich mich immer mehr veranlasst, mich auf mein eigenes Fachgebiet
der Psychotherapie - Psychosomatik - Psychoanalyse - Psychiatrie zurückzuziehen.
Die Angst
störung Mit Angst störung möchte ich Störungen bezeichnen, in denen die Angst als primär störendes Symptom, als unangenehmes Gefühl auftritt. Hierzu gehören aber auch Zustände, die nach klinischer Erfahrung eigentlich mit Angst zu tun haben, wobei das Gefühl von Angst trotzdem fehlt: Es sind vor allem zwei
häufige Phänomene, die ich hierzu gleich benennen möchte, nämlich das
Vermeidungsverhalten der Angst
patienten und die sogenannten
körperlichen Angst äquivalente. Die Angst als Symptom kann
sich in einem vielfältigen Bild zeigen, diese Vielfalt zeigt die folgende
Tabelle, es stammt aus der Beschreibung von Freud (1895), sie kann bis heute als
zutreffend bezeichnet werden:
☻ allgemeine Reizbarkeit Es ist eine Vielfalt von Erscheinungen und Beschwerden, die nur schwer zu systematisieren sind. Sehr oft kommen die Symptome in kombinierter Form vor, meist ist die Symptomatik wechselhaft, der subjektive Schweregrad für den Patienten ist auch sehr individuell. Eine kurze diagnostische Formel ist oft nicht gut möglich. Innerhalb der Angst
störung In der letzten Zeit ist der
Panik – Zustand sozusagen in Mode gekommen, als ob es eine Neuentdeckung wäre.
Jeder Sachkundige weiß hingegen, dass dieses Bild sowohl in der Psychiatrie als
auch in der Psychoanalyse längst gekannt war. Mit diesem Zustand hat sich Freud
auch viel befasst, er ordnete es der Hysterie zu. Er prägte auch den Begriff
„Angsthysterie“. Auslöser diese „Panik-Bewegung“ war vermutlich die Theorie von
D. F. Klein und Mitarbeitern, (1981, USA), demnach liegt die Panikattacke einer
Hirnstörung zugrunde, eine fehlerhafte biochemische Reaktion. Die Theorie wurde
auch mit pharmakologischen Experimenten untermauert, sie wird allerdings in
neuester Zeit wieder in Frage gestellt. Es ist üblich, sämtlichen
phobischen Ängsten einen schönen Namen zu geben. Diese Namensgebung ist zwar
eindrucksvoll, als diagnostische Kategorie jedoch eher belanglos, geht es doch
bei der Phobie darum, dass die Angst in die Außenwelt hinausprojiziert wird und
das jeweilige Objekt dieser Projektion den Namen dieser Krankheit bekommt. Aus
der Sicht des einzelnen Patienten ist es jedoch sicher relevant, welches Objekt
der Patient sich als Angst
objekt aussucht, das ist für ihn von
lebensgeschichtlicher und symbolischer Bedeutung. Aus
verhaltenstherapeutischer Sicht ist die Gruppe „Sozialphobien“ von großer
Bedeutung: Das ist die Gruppe der phobischen Ängste, in der sich der Angst
inhalt auf irgendwelche soziale Situationen bezieht, der
verhaltenstherapeutische Ansatz nimmt dann diese soziale Situation zum
Mittelpunkt der Therapie. Es ist Alltagserfahrung,
dass Angst oft von körperlichen Erscheinungen begleitet ist. Man nennt diese
Symptome Angst - Korrelate. Diese körperlichen Sensationen können für den
Patienten als sehr unangenehm, ja als bedrohlich erlebt werden. So kann das
heftige Herzklopfen als lebensbedrohliche Gefahr
wahrgenommen werden, wodurch das Angst - Gefühl selbst noch verstärkt wird. Das
Gefühl von
Atemnot kann zu verstärktem Atmen führen, was chemische Veränderungen im
Blut zur Folge hat, so entsteht die sogenannte Hyperventilationstetanie, ein
äußerlich dramatisches Bild, lebensbedrohlich ist es meist jedoch nicht. Eine andere Schwierigkeit
stellt sich genau umgekehrt dar: Der Patient berichtet über körperliche
Beschwerden und hat keinerlei Angst
gefühl. Letzteres ist
aus dem Bewusstsein verdrängt. Uns hilft dann die klinische Erfahrung weiter, ob
es sich dabei um vegetative Dysfunktionen, sprich Angst
korrelat, handelt oder eventuell doch um körperliche Krankheiten, z. B. Herzkranzgefäßerkrankung. Nicht selten wird
dabei eine aufwendige Körperdiagnostik betrieben, oft auf Drängen des Patienten.
Diese herzbezogenen Ängste oder Sensationen bezeichnet man diagnostisch
Herzphobie. Häufig wird dabei auch die Diagnose „psychovegetative Störung“
formuliert, was letztlich auch eine verdeckte Form von der Angst - Symptomatik Diese körperlichen
Erscheinungen haben oft einen symbolischen Charakter, d. h. das entsprechende
Organe mit der Störung symbolisiert einen Konflikt, der Konflikt stellt sich als
Organstörung dar, in diesem Falle spricht man von Konversionen. Diesbezüglich
muss man den
Herzbeschwerden besondere Aufmerksamkeit
schenken, auch weil sie häufig sind. Störungen der Herzfunktionen und
herzbezogene Angst spielen deswegen doch eine wichtige Rolle, weil die
Herzfunktion durch den Affekt Angst leicht störbar ist, aber auch, weil das
Herz ein wichtiges Symbol darstellt. Abgesehen von der Angst
störung Angst bedeutet GefahrDie Alltagserfahrung zeigt,
dass wir Angst bekommen, wenn auf uns etwas Bedrohliches zukommt oder zuzukommen
scheint. Die Gefahr liegt zeitlich in der Zukunft. Angst ist also immer Angst
vor der Zukunft, Angst ist etwas Vorweggenommenes aus der Zukunft. An dieser Stelle möchte ich
betonen, dass sich das Zeitverhältnis bei der
Depression genau umgekehrt verhält: Die
Ursache der Depression liegt in der Vergangenheit – der depressive Mensch hat
etwas in der Vergangenheit verloren. Gefahr – Bedrohung kann ein
Mensch als Subjekt in sehr unterschiedlichen seelischen Bereichen, in ganz
verschiedenen Lebensphasen und durch unterschiedlichste Art der Einwirkung
erleben bzw. erleiden. Die Frage ist also, was – wodurch – wann bedroht wird
oder als Bedrohung erlebt wird. Einwirkungen können das
physische Leben unmittelbar gefährden, was natürlich seelisches und körperliches
Unbehagen verursacht. Hierzu muss man wohl auch das sogenannte „Geburtstrauma“
zählen, aber auch alle körperlichen Erkrankungen, körperliche Angriffe, Unfälle
usw. Verschiedene Ereignisse
können die Umwelt gefährden und dadurch indirekt Gefahr fürs Leben bedeuten. Vielfältige Einflüsse
können einzelne seelische Bereiche bedrohen. So kann das Selbstwertgefühl
bedroht sein, oder das Gefühl der Anatomie, oder die Kohärenz des Selbst. Es
können verschiedene Befriedigungsmöglichkeiten gefährdet sein, es können eigene
Ideale und Pflichtbedürfnisse eingeschränkt sein. Es können wichtige
Bezugspersonen in ihrer Schutzfunktion für das Subjekt in Frage gestellt sein. Einwirkungen können in
verschiedenen Lebensphasen spezifisch wirksam werden. So kann die motorische
Einschränkung im 2. bis 3. Lebensjahr besonders schädlich sein. Wichtige
Beziehungen z.B. zur Mutter oder zum Vater sind zu bestimmten Entwicklungsphasen
auf spezifische Weise verletzlich. Eine Hierarchie von Bedrohungen ist bereits
von Freud (Freud, 1926) aufgestellt worden, dieses Konzept kann bis heute als
sinnvoll bezeichnet werden:
Sämtliche normale
Entwicklungsschritte des Kindes, aber auch die sogenannten Lebensänderungen des
Erwachsenen gehen mehr oder weniger mit der Entwicklung von Angst einher.
Routinemäßige „Alltagsereignisse“ rufen in ihren Abläufen auch häufig Angst
hervor, auch wenn wir es nicht merken. Das ICH bindet diese Angst, wir erleben
also nicht ständig die Angst, auch wenn wir doch ständig im Feuer der Angst
leben. Parallel mit all diesen
Angst -Entstehungen funktioniert wie automatisch ständig die Bindung der Angst,
die Abwehr der Angst. Man kann sagen, wir tun in unserem Alltag möglichst nur
Dinge, die ohne wesentliche, spürbare Angst - Entwicklung ablaufen können.
Vieles lassen wir einfach, um Angst zu vermeiden. Die Schwellen hierzu sind bei
den einzelnen Menschen natürlich sehr unterschiedlich. Diese Angst - Vermeidung
ist ganz typisch für den Angst -Patienten besonders für den phobischen Patienten
der dieses Verhalten teils unbewusst, teils bewusst praktiziert, um die Angst -
Situation zu vermeiden. Angst auslösende
Situationen können so heftig und plötzlich sein, dass die Angst -Entstehung sehr
ausgeprägt ist, dass die Bindung von Angst im Moment nicht möglich ist. Wir
nennen diese Umstände traumatische Situation. Mit „traumatisch“ verbinden wir
die Theorie, dass an dieser Stelle zu dieser Zeit die Ich-Funktionen nicht
ausreichen, um die Situation ohne Angst zu meistern. Im Alltag sprechen wir dann
über „Zusammenbruch“ oder über „Schock“. Das Ergebnis ist auf jeden Fall ein
mehr oder weniger heftiges Angst
gefühl oder sogar ein Zustand der
Überflutung durch Angst. Das Ich ist dadurch in seiner Aktionsfähigkeit
zusätzlich eingeschränkt – es ist ein Teufelskreis der Ereignisse. In den zuletzt
geschilderten Fällen sehen wir einen unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang
zwischen dem Auslöser und der Angst -Entstehung. Diese Form der Angst nennen wir
Real - Angst. In der Psychotherapie sind wir jedoch meist mit anderen Angst
zuständen konfrontiert. Wir nennen das „neurotische Angst“. In diesem
Fall ist die Funktionsfähigkeit des Ichs in Bezug auf Angstentwicklung bzw.
Angstbindung entwicklungsmäßig – neurotisch eingeschränkt.. Hier erscheinen
Angst und die auslösenden Ursachen nicht in einem durchschaubaren Zusammenhang.
Im Gegenteil, beide sind in ein kompliziert-verschleiert-verborgenes
Abwehrsystem eingebaut. Eingebaut eben in die Krankheit, in die
Persönlichkeitsstruktur, die lebensgeschichtlich entstanden ist. Eingebaut in
ein falsch einreguliertes, über- oder untersteuertes Angst - Warn- und
Verarbeitungssystem. Dies ist gemeint bei Freud mit der Signal-Theorie von
Angst. Das psychoanalytische AngstkonzeptIn der psychoanalytischen
Krankheitslehre wird heute ein dualistisches Angst
konzept benutzt, um die Angst
problematik
I. Das Konfliktmodell
besagt, dass Angst bei einem intrapsychischen Konflikt durch intrapsychischen
Druck entsteht bei relativ gut entwickelten Ich-Funktionen. Dieses Ich ist zwar
durch die Konfliktspannung geschwächt, ist aber im wesentlichen funktionstüchtig
im Sinne der Abwehrmechanismen. Freud nannte es „Normal-Ich“. Die Mechanismen
der Angstabwehr werden durch innere und äußere Signale in Gang gesetzt, deswegen
nennt man dieses Modell auch Signal-Theorie. Diese Bezeichnung ist m. E.
eigentlich unvollständig, weil sie lediglich einen Teilmechanismus der Angst -
Entstehung berücksichtigt, nämlich die Auslösung der Angst durch die
Signalfunktion. Das Signal ist nach diesem Konzept tatsächlich mit dem
Alarmlämpchen eines technischen Systems vergleichbar, das aufleuchtet, wenn
Gefahr droht. Beim Aufleuchten des Lämpchens wird die Abwehr in Gang gesetzt. Dieses Signal kann sehr
Unterschiedliches zum Inhalt haben: Innere Triebgefahr, Phantasien, innere
Verbote, bedrohte Ideale. Das Signal kann ursprünglich auch von der Außenwelt
ausgehen, dieser Außenreiz hat in dem Falle dann symbolische Bedeutung für den
spezifischen Angstinhalt. Diese Inhalte sind unbewusst und haben neben dem
aktuellen Geschehen auch einen genetischen – erinnerungsmäßigen Aspekt. Man kann
sie auch unbewusste Phantasien nennen, in einer erweiterten Definition dieses
Begriffes. Mit dem Lämpchen leuchtet also auch die traumatische Vergangenheit
auf. Die Gesamtkonstellation symbolisiert eine Gefahrensituation. Am Beispiel der recht
häufigen Autobahnphobie lässt sich das etwas vereinfacht so erklären: Die
Geschwindigkeit symbolisiert die zunehmende Entfernung von der Mutter oder die
Annäherung – je nach „Fahrtrichtung“ – an die als Bedrohung erlebte Mutter,
verbunden mit der Vorstellung des hilflosen Eingeschlossensein in dem Auto. Der
drohende Verlust der Mutter oder die bedrohliche Nähe der Mutter ist in dem
Reisegeschehen symbolisch enthalten. Die Angst die dabei entsteht, wird auf die
Autobahnsituation projiziert, so wird das Reisegeschehen als bedrohlich
empfunden, ohne dass dabei die Vorstellung über die Mutter im Bewusstsein
erscheint. Das Ergebnis ist die Angst, vielfach eine richtige Panikattacke die
den Patienten zum Verlassen der Autobahn zwingt. Die zweite Seite des psychoanalytischen Angstmodells ist das sogenannte II. Strukturmodell, d.h. die Angstentstehung bei den sog. Strukturellen Ich-Störungen, häufig auch „frühe Störungen“ genannt. Das Ich funktioniert in diesem Falle defizitär und ist nicht in der Lage die oben beschriebene Angstverarbeitung per Signal bzw. per Kompromissbildung im Sinne der Symptomentstehung zu bewältigen. Die defizitären Ich-Funktionen kann man folgendermaßen beschreiben ( Ermann, 1984)
Der gesunde Mensch
reagierte also in der Gefahrensituation mit einem ausgeglichenen Signal und
Reaktionssystem, er „meistert“ die Angst. Wenn die Angst -Stärke die
Abwehrmöglichkeiten überschreitet, reagiert natürlich auch der gesunde Mensch
mit Angst. Der konflikthaft gestörte
Mensch reagiert unausgeglichen, mit manchen Funktionen zu stark, mit anderen zu
schwach, es entsteht eine begrenzte Angstsymptomatik z.B. ein phobisches
Symptom. Das ist das Strukturniveau der Neurosenentstehung. Der strukturell gestörte
Mensch reagiert überstark und chaotisch, das Ergebnis ist Angstüberflutung,
Panikattacke bis hin zur Vernichtungsangst (man spricht dabei z.T. auch über
psychotische Angst). Dies ist das sog. strukturelle Störungsniveau. Das psychoanalytische
Angstkonzept besagt also, dass Stärke, Inhalte und Entstehungsmechanismen der
Angst mit dem Organisationsniveau der Persönlichkeit in Zusammenhang stehen. Das
jeweilige Strukturniveau hat wiederum gerade mit dem vorherrschenden
Angstverarbeitungsmodus zu tun. Die Feststellung von Freud, dass die Angst das
Grundproblem der Neurose sei, kann man mit Sicherheit auf sämtliche Störungen
ausdehnen, das heißt, bei allen psychischen Störungen haben wir mit ganz
spezifischen Mechanismen der Angstentstehung und Angstverarbeitung zu tun. Das
vom Patient empfundene Angstgefühl, also die subjektiv erlebte Angst, ist nur
ein Teil der Problematik. Die Angst kann in der Persönlichkeitsstruktur nämlich
z.T. gebunden sein, so auch bei schweren Persönlichkeitsstörungen. Die
nichtbewusst erlebte Angst kann aber genauso wirksam sein wie die erlebte Angst.
So muss man entsprechend den einzelnen Störungen über die jeweils spezifische
Angst sprechen. Wenn wir mit den üblichen Strukturbezeichnungen operieren dann
können wir über hysterische Angst, über zwangsneurotische Angst, über
depressive Angst, über Borderline- Angst oder über psychotische Angst sprechen;
ob die Angst dabei überhaupt erlebt wird, und in welcher Form, das ist lediglich
ein Teil des Problems. Die Angst
störung Bei den
nicht-angstneurotischen Störungen tritt zunächst ein anderes Symptom auf und
nicht die Angst. Dazu ein klinisches Beispiel: Eine 30-jährige Patientin bekam
abends vor dem Zubettgehen immer starke Kontrollzwänge. Sie musste mehrfach
Kontrollgänge durch das Haus machen (abschließen, Licht ausschalten, sich lange
waschen usw.). Im Zuge der Therapie stellte sich heraus, dass das eigentlich
aktuelle Problem die eheliche Beziehung war, sie lebte in einer kritischen Phase
ihrer Partnerschaft. In dieser Situation war für sie Sexualität konflikthaft
bedrohlich, die Zwangshandlungen als Abwehrmechanismen dienten dazu, den
diesbezüglichen Ängsten auszuweichen. Wenn sie ihre Zwangshandlungen nicht
durchführte, bekam sie manifeste Angst. Bei den psychosomatischen Erkrankungen
geht es auch jeweils um eine ganz spezifische Angstproblematik. Hiervon ist die
Tatsache zu unterscheiden, dass die Angst immer von spezifischen vegetativen
Funktionsstörungen begleitet ist, dies haben wir bereits unter dem Thema
Angstäquivalente bzw. Angstkorrelate erörtert. Das psychologische Kernproblem:
Objektverlust droht . Die von Freud aufgestellte Angsthierarchie habe ich
bereits erwähnt:
Bereits Freud hat also die
Überlegungen über die intrapsychischen Mechanismen der Angstentstehung in einer
Beschreibung der drohenden Objektverluste einmünden lassen. Bei ihm geschah das
jedoch eher beiläufig. Diese objekttheoretischen Dimension haben später andere
Psychoanalytiker bzw. andere Forscher vertieft. Die klinische Erfahrung
zeigt, dass diese Problematik eigentlich den Kern des Angst - Problems ausmacht. Für meine Kenntnisse war es
der ungarische Psychoanalytiker, Imre Hermann, der diese Tatsache zuerst bereits
1923 beschrieb. Seine spätere Arbeit mit dem Titel „Sich anklammern und auf
Suche gehen“ erschien 1936. Er beschrieb darin die Problematik, die wir heute
als Trennung – Bindungs – Konflikt zusammenfassen. Er beschrieb einige Jahre
später das sog. „Anklammerungssyndrom“. Er nahm an, dass Bindung („sich an den
Körper der Mutter anzuklammern“) ein menschlicher Grundtrieb ist, der
Anklammerungstrieb, der parallel zum Sexualtrieb wirksam ist. Er war also ein
sog. Abweichler unter den Psychoanalytikern, weil er die Triebtheorie von Freud
in Frage stellte bzw. modifizierte. (Harrach, 1996). Unter Anklammerungssyndrom
verstand Hermann intrapsychische Mechanismen und manifeste Verhaltensweisen, die
diese Anklammerungslage sichern bzw. bei Störungen in Frage stellen. Nach
Hermann entsteht Angst, wenn die Anklammerungslage bedroht ist. Im Laufe der
Entwicklung verliert das frühkindliche Anklammerungsverhalten an Dringlichkeit,
bleibt aber wirksam und bleibt Bestandteil der späteren ödipalen Bindung. Michael Balint hat dieses
Konzept in der Beschreibung der beiden Charaktertypen, (Oknophilie und
Philobatismus) vertieft. Unter Oknophilie versteht er die Anklammerung, unter
Philobatismus den Wunsch, sich vom Objekt zu trennen, die Distanz zu ihm suchen.
(Balint, 1959) Der eigentlich bekannteste Forscher auf dem Gebiet ist Bowlby, der in den 50-er und 60-er Jahren viel über das Thema geforscht und veröffentlicht hat (Bowlby, 1973). Auch er beschrieb die Objektsuche als ein biologisches Bedürfnis und konzipierte die Angstentstehung als die Frustration dieses Bedürfnisses. Die heutige
„Bindungstherorie“ hat diesen Faden aufgenommen und weiterentwickelt. Die Ergebnisse der neueren
Säuglingsforschung bestätigen diese Konzepte. Die Narzissmustheorie von
Kohut hat einen sehr verwandten Gedankengang, hauptsächlich in dem Konzept des
Selbstobjektes. Das Selbstobjekt – also ein äußeres Objekt – ist zur Entwicklung
und Aufrechterhaltung des Selbst nach dieser Theorie dringend notwendig. Der
Verlust des Selbstobjektes führt zu Störungen mit Angstentstehung, bis hin zur
Desintegration des Selbst, also auch zu psychotischen Phänomenen mit
entsprechender Angstbildung. Melanie Klein beschreibt in
ihrer Strukturtheorie die schizoide bzw. die depressive Position. Im Kern besagt
dieses Konzept auch, dass die angst vor Verlust des guten Objektes bzw. die
Angst vor dem bösen Objekt den Kern psychischen Funktionierens ausmachen. Margarete Mahler (Mahler,
1975) hat in ihrer Entwicklungstheorie dieses Thema weitergeführt. Daraus möchte
ich hier nur einen Punkt erwähnen, die sogenannte „Wiederannäherungskrise“, die
besagt, dass das einigermaßen selbständig gewordene Kind in eine psychische
Krise gerät, wenn es sich wieder an die Mutter annähert, weil es Angst bekommt,
von der Mutter wieder vereinnahmt zu werden. Diese Krise illustriert im Grunde
mein vorheriges Beispiel über die Autobahnphobie. Die Anklammerungsproblematik kennen wir sehr genau aus der Psychopathologie von Paarbeziehungen. In den Paarbeziehungen kann Angst auf den verschiedensten Strukturniveaus auftreten., entsprechend der Dynamik zwischen den Partnern, bzw. derer intrapsychischen Dynamik. Dieses beschrieb z.B. Willi (1975) mit der sogenannten angstneurotischen Koilusion. Wir wissen, dass diese gegenseitige Anklammerung nicht nur Nähe bedeutet, sondern meist destruktive und selbstdestruktive, sadomasochistische Züge hat. Genauso kennen wir auch die psychotische Anklammerung, die die Therapie von Psychosen so erschwert und wir wissen, dass Individuations- und Trennungstendenzen heftige Angst bei allen Beteiligten auslösen. Ich glaube also, die
Behauptung ist berechtigt, dass die Trennungs-Bindung-Thematik auf allen
Strukturebenen sehr eng mit der Angstproblematik gekoppelt ist. Letztlich geht
es um das Problem der Individuation auf verschiedenen Strukturebenen. So können
wir auch behaupten, dass intrapsychisch die Subjekt-Objekt-Trennung den Kern
des Angstproblems ausmacht. Daraus folgt: Die realen Bindungen, also die realen
Objektbeziehungen in der Therapie mit einzubeziehen, ist eine obligate Dimension
der psychotherapeutischen Arbeit. Zur Neurologie der AngstEs hat sich als schwieriges
Unterfangen erwiesen, diesen Teil meines Referates vorzubereiten. Ich musste
sehen, wie problematisch es ist, andere Denkwiesen und andere Wissensgebiete zu
erschließen als das eigene Fach. Dabei bin ich doch als Mediziner und Psychiater
mit diesen Fragen ständig konfrontiert, so z.B. in der Pharmakotherapie. Ich
glaube, dass bei uns Psychotherapeuten eine gewisse Gefahr besteht, diese
biologische Seite zu vernachlässigen, wenn wir uns ausschließlich mit der
psychologischen Seite befassen. Ich kann nur einen kurzen
Überblick über das Thema geben, ohne die Gewähr, dass ich in den vielen
Einzelheiten ein versierter Referent sein könnte. Es geht um folgende
Problembereiche:
Das Thema Neurochemie kann
ich auch nur streifen. Aus der Fachliteratur wird deutlich, dass die Forschung
auf diesem Gebiet voll im Gange ist, man nennt ja auch die 90er Jahre als das
Jahrzehnt des Gehirns. Mein Eindruck ist, dass die Grundlagenforschung , die
pharmakologische Forschung und die klinische Forschung auf diesem Gebiet
vielfach nicht in Einklang zu bringen sind. Wir müssen in der Pharmakotherapie
häufig eher mit klinischen Erfahrungen – in gewisser Hinsicht also mit
„Erprobung“ zufrieden geben, wissenschaftlich sind nicht alle Probleme erklärbar
oder erwiesen. In Bezug auf die Angst
problematik Transmitterfunktion heißt,
dass diese Stoffe im synaptischen Spalt, d. h. an dem Verbindungspunkt zwischen
zwei Nervenzellen die Weiterleitung des Reizzustandes zwischen zwei Nervenzellen
die Weiterleitung des Reizzustandes ermöglichen bzw. hemmen. Die Entfernung
dieser Stoffe aus dem Spalt beendet die Wirkung. Dies sind chemische und
bioelektrische Vorgänge, die sich in Bruchteilen von Sekunden abspielen und dass
in einem chemischen Milieu, in dem Wirkung und Nichtwirkung durch viele
Einflüsse moduliert wird. Die Botenstoffe bilden sich
in der Nervenzelle und treten chemisch-bioelektrisch gesteuert in den
synaptischen Spalt hinaus bzw. werden wieder in die Zelle zurücktransportiert.
Es herrscht in diesen Synapsen also eine lebhafte chemisch-bioelektrische
Betriebsamkeit. Beispielsweise scheint
erwiesen zu sein, dass die sogenannte GABA (gamma-amino-butyro-amin) im
synaptischen Spalt eine reizhemmende Wirkung entfaltet. Reizzustand bedeutet in
den genannten Hirngebieten, dass Funktionen ablaufen, die die Angstentstehung
bedingen. GABA wirkt hemmend auf diesen Reizzustand. Die pharmakologische
Forschung hat erwiesen, dass die Benzodiazepine, also die am meist verwendeten
angstlösenden Medikamente (Valium und verwandte Stoffe) diese hemmende Wirkung
der GABA verstärken, d. h. die Angst unterdrücken. Als weiteres Beispiel seien die altbekannten Stoffe Adrenalin und Noradrenalin als Botenstoffe genannt, genannt auch als Hormone, die in der körperlichen Angstreaktion eine wesentliche Rolle spielen. Man spricht in den Stressreaktionen auch über vermehrte Adrenalinausschüttung. Adrenalin wirkt auf viele
Organe, so auch auf das Herz-Kreislauf- und Atemsystem. Adrenalin und
Noradrenalin wirken aber auch im Gehirn direkt und zwar z. B. in der Region des
Locus ceuruleus und durch dieses Hirnzentrum wird die Stressreaktion
mitgesteuert. Diese Hirnreaktion beinhaltet die körperliche Reaktion genauso wie
affektive Erscheinungen und die Beeinflussung kognitiver Prozesse. Man spricht
über adrenerge Reaktion im Sinne der Angstabwehr bzw. Angstbewältigung. Andere
Hirnregionen reagieren auf diese Weise auf Adrenalin nicht. Adrenalin und
Noradrenalin werden in den entsprechenden Nervenzellen auch selbst mitproduziert
und sind dort auch direkt wirksam. Ein drittes Beispiel möchte
ich auch nennen, es soll eigentlich beeindrucken. Es ist nämlich sehr
eindrucksvoll, dass eine körperliche Angst
reaktion mit bestimmten chemischen
Stoffen provozierbar ist. Dieser Zustand ist weitgehend identisch mit dem
Angst
anfall, den man z. B. bei der Panikreaktion beobachtet. Man muss nur diese
Stoffe z. B. Lactat oder Yohimbin in der entsprechenden Kombination als
Injektion verabreichen. Diese körperliche Angstreaktion ist wiederum mit den
entsprechenden Medikamenten genauso abwehrbar wie die „natürliche“ Panikattacke. Wir haben also bei der
körperlichen Angstentstehung mit komplizierten, vielfach modulierten, d. h. mit
hemmenden und stärkenden chemischen und bioelektrischen Vorgängen zu tun. Es
gibt experimentelle Beweise, dass einzelne Menschen auf chemische Einwirkungen
unterschiedlich reagieren. D. h. wir Menschen sind mit diesen chemischen
Angst
reaktionen unterschiedlich ausgestattet, wir sind unterschiedlich
empfindlich auf diese Stoffe und der zeitliche Ablauf dieser Reaktionen ist bei
den einzelnen Menschen sehr individuell. Man kann – man muss vielleicht – hier
die Verbindung anstellen: Unserer Angstbereitschaft hat auch mit
chemisch-biologischen Vorgängen zu tun. Diese These ist ja auch aufgestellt
worden: Der Panikanfall sei eine fehlgesteuerte chemische Reaktion im Gehirn. In
der Psychoanalyse bezeichnet man diese Veränderung Ich-Defekt bei den
sogenannten strukturellen Ich-Störungen. Ein letztes Beispiel soll eine aktuelle Entwicklung in der Pharmakotherapie beleuchten. Es ist klinische Erfahrung, dass Medikamente, die ursprünglich als Antidepressiva entwickelt und eingesetzt worden sind, auch ziemlich spezifisch gegen die Angst wirksam sind. Die Pharmakotherapie gründet sich hier auf die klinische Erfahrung und nicht auf gesicherte Grundlagenkenntnisse. Gemeint sind die sogenannten Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, die den Rücktransport von Seratonin in die Nervenzelle hemmen. Diese Tatsache wirft eine
weitere Frage auf, nämlich nach dem Zusammenhang zwischen Angst und Depression
in pharmakologischer aber auch in psychologischer Hinsicht. Auf diese Frage kann
ich hier jedoch weiter nicht eingehen.
Literaturliste Nach einem Vortrag auf der 11.Tagung des WAP – Wildunger Arbeitskreis für Psychotherapie e.V. Wir freuen uns, wenn wir Ihnen helfen können. Ihr Dr. med. A. Harrach
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unsere Chefärztin im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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